Thursday, April 11

ich komme gerade aus dem klassenraum und will in die pause gehen. kurz vor der treppe höre ich jemanden meinen namen rufen, es ist ein mädchen aus meinem latein kurs. "nevenka?" ruft sie, ich drehe mich um und sie kommt auf mich zu. "kann ich dich kurz was fragen?", sie wirkt eingeschüchtert. sie ist erst letztes halbjahr  zu uns auf die schule gekommen und ich habe noch nie ein wort mit ihr gewechselt. plötzlich frage ich mich wieso, denn unsympathisch war sie mir nie. "ja, klar", lächle ich. wir bleiben am fenster stehen, an uns laufen leute entlang und sie senkt ihre stimme etwas. "ich wollte dich fragen, wie du es dich getraut hast, deine narben zu zeigen.", sagt sie. okay, das überrascht mich jetzt ein wenig. ich hatte in latein meinen cardigan ausgezogen, weil ich viel zu dick angezogen war und ich ja generell nicht mehr so viel darauf gebe, was leute von meinen armen halten. "weil ich hab' dieses problem auch..", setzt sie schnell hinten dran. ich habe es mir schon fast gedacht. das ist traurig. ich beobachte menschen gerne und versuche sie zu analysieren. ich dachte mir schon oft, dass hinter diesen augen und unter dieser haut mehr steckt, etwas trauriges. was mich allerdings überrascht ist die tatsache, dass ich kein problem damit habe, mit ihr darüber zu reden. ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber wenn leute die gleichen laster haben wie ihr, ist das eis doch viel schneller gebrochen, oder? "naja..", setze ich an, "bei mir läuft das jetzt schon ca. 2 jahre und ich dachte mir irgendwann einfach, dass ich mich nicht mehr verstecken will. die zeit ist zu schade dafür." ich hake nach und sie erzählt mir, dass sie seit einem halben jahr zum psychologen geht, doch dass es mit der selbstverletzung einfach nicht besser wird, da sie bei ihrem vater wohnt und er sie ständig nur fertig macht. ihre mutter ist krank- krebs- und mit ihr versteht sie sich auch nicht gut. ich bin getroffen. ihre großen augen sind unglaublich traurig und, wie ich glaube, von tränen gefüllt. ich umarme sie und sie sagt mir, wie lieb ich sei. wir tauschen uns aus über unsere erfahrungen über psychologen etc. aus. "es ist ein teufelskreis", sage ich, "selbst, wenn es mir gut ging, musste ich es tun. ich brauchte es." sie nickt, "ja, so geht es mir auch. meine gedanken sind einfach vollkommen negativ und mich stört das inzwischen auch nicht mehr, aber eben die leute in meinem umfeld." "es stört dich nicht mehr, weil du dich daran gewöhnt hast.", antworte ich. sie lächelt schwach und schaut auf den boden, "das stimmt wahrscheinlich.. ich find es total klasse, dass du so offen damit umgehst. denn wenn ich mit jemandem rede, der das gleiche problem hat, dann fühl' ich mich nicht ganz so schlecht." "ich finde es sinnlos, dieses thema zu einem tabu-thema zu machen", gebe ich zurück, "jeder mensch geht mit seinen problemen anders um." "aber ich habe so angst vor den reaktionen der leute, vorallem im sommer war es so furchtbar, als ich meine arme als verstecken musste.", sagt sie. "du bist was du bist und die narben und die wunden gehören zu dir, du brauchst dich nicht verstecken. du brauchst nicht den erwartungen von anderen leuten zu entsprechen, du bist du und das alles ist ein teil von dir. die meinungen von anderen können dir egal sein. ich erlebe auch die unterschiedlichsten reaktionen, doch wenn jemand ein problem damit hat, dann hat er eben gelitten.", antworte ich. sie lächelt, "ich versuch' einfach nur, es zu ändern, weißt du? am anfang als ich hier auf die schule kam, habe ich versucht, die glückliche zu sein, aber es ging einfach nicht. deshalb habe ich auch öfters schon gefehlt. ich sitze dann einfach zuhause und weine den ganzen tag durch und weiß nicht mal genau, wieso", sagt sie. ich erinnere mich, sie fehlte schon öfter und die dunklen ränder unter ihren augen sprechen für sich. "aber wenn du jetzt wieder angefangen hast..", fährt sie fort, "..willst du es wirklich nicht noch einmal mit einem psychologen probieren? wenn du das auf eigene faust hinkriegen willst, dann finde ich das klasse, doch wenn du es alleine nicht hinbekommst.." ich schaue zur seite und sage "ich überlege es mir." meine probleme sind nicht groß genug, als dass ich zum psychologen müsste und meine schnitte sind auch nicht annährend so tief wie früher, aber das sage ich ihr nicht. sie setzt wieder an "weißt du, ich habe heute ein gespräch mit meinem psychologen und meinem vater, der weiß noch nichts davon. ich habe einfach so angst davor." ich schaue ihr in die augen, "du musst keine angst haben, wirklich." sie kaut auf ihrer wange rum. "alles wird gut werden", fahre ich fort, "du bist noch so jung und vor dir liegt noch viel viel mehr, was es zu erleben gibt. du darfst nicht aufgeben, du musst weitermachen." sie lächelt wieder. es gongt, die pause ist vorbei. "oh man, danke, wirklich. es ist toll, dass ich mit darüber reden kann.", sie sieht erleichtert aus. und ich fühle mich auch gut. "klar, ist doch kein problem", lächel ich sie an, "ich muss jetzt hoch, ich schreib' klausur. und wenn irgendwas ist, dann sprich mich einfach an." ich umarme sie und wir verabschieden uns. das gespräch geht mir den ganzen tag nicht aus dem kopf, weswegen ich jetzt auch diesen roman hier geschrieben habe.. es ist krass, was für begegnungen man macht. nie hätte ich das erwartet. doch es ist schön, dass ich leuten irgendwie helfen kann. auch, wenn es nur ein bisschen ist.

1 comment:

  1. "Du darfst nicht aufgeben, du musst weitermachen". Das hast du selbst gesagt, ich möchte es jetzt dir sagen. Gib nicht auf. Bleib stark, widerstehen dem Drang, so schwer es auch ist. Ich glaube an dich, du kannst es schaffen, wenn du nur willst. Es wird keinesfalls leicht, aber was ist schon leicht?
    Fühle dich gedrückt.

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